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Die HotelMacher

TEIL 2Prodinger: Die Vorstellung von schirch ändert sich.Kaplan: Ganz genau. Wir haben zum Beispiel in Wien ein Studentenheim zu einem Hotel umgebaut, dem 25Hours. Vorher waren sich alle darüber einig, dass dieses Studentenheim aus den 1960er Jahre schlicht und einfach hässlich war. Das dachten wir auch. Aber als wir uns mit dem Gebäude beschäftigten, haben wir seine Schönheit entdeckt.Bernard: In Wirklichkeit hatte das Gebäude auch daruntergelitten, dass es zu niedrig war!Kaplan: Drei Stockwerke sind dazu gekommen. Aber jeder glaubt, das habe schon immer so ausgesehen. Das ist auch unser Anspruch in Bad Gastein. Gastein muss weitergedacht werden, darin sind sich alle einig. Und das heißt nicht, dass wir dort jetzt „Tiroler Häusl“ bauen. Wir haben ja in Gastein auch das Kongress- gebäude von Gerhard Gastenauer. Das ist gebauter „Brutalismus“.Reisenzahn: Aber das ist kein schlechtes Gebäude, das hat funktioniert.Kaplan: Es ist auch von außen nicht schlecht. Brutalismus k ommt ja nicht von brutal, sondern von roh, vom französischen Wort „brut“, das auch „ehrlich“ bedeutet. Ich verstehe allerdings, dass der Laie das oft nicht gut findet.Prodinger: Das Badeschloss soll anders als das Straubinger ein junges urbanes Publikum ansprechen.K aplan: Wir inszenieren das Thema Baden neu: Die Zimmer sind eigentlich Badezimmer – mit einem Bett. Der Eingangs- b ereich wird wie der Zugang zu einem Schwimmbad inszeniert.Bernard: Die Badewanne ist uns so wichtig wie das Bett. Es gibt auch Zimmer mit zwei Badewannen nebeneinander. Jedes Zimmer hat ein anderes Setting mit der Badewanne. Wir zelebrieren die Badeanstalt.Reisenzahn: Das ist schon heftiges Storytelling!Kaplan: Man kann auch in den „Schaufenstern“ in der Badewanne sitzen … Wenn niemand drin sitzt und die Vorhänge offen sind, kann jeder die Badewanne sehen. Da brauchen wir dann nicht mehr Badeschloss draufzuschreiben. Man kann sich auch in die Badewanne legen und das Licht ausschalten. Dann sieht einen keiner, aber selbst sieht man alles, das ganze Panorama.Prodinger: Inwieweit konntet ihr in eure Entwürfe auch schon die Erfahrungen aus dem Coronajahr einbauen? Da sind ja ganz neue Themen aufgekommen, die vermutlich bleiben werden, wie das Arbeiten im Urlaub.Bernard: Ja, außerhalb von Bad Gastein gibt es einige Hotelp rojekte, wo wir auf solche neuen Trends und Entwicklungen eingehen. Zum Beispiel wird sich das F&B mit seinen Büffets früher oder später ändern müssen.Reisenzahn: Auch das Konzept Halbpension scheint ins Wanken zu kommen. Diese Standardisierung, alle in einem Speisesaal mit dem gleichen Menü für alle, das wird es bald nicht mehr geben. Das wird jetzt anders interpretiert.Bernard: Die Wahllosigkeit der Halbpension wird verschwinden.Die Frühstücks- und Abendbüffets werden sich reduzieren. Man wird überall im Hotel essen können, auch in der Lobby. Die monothematische Zuordnung der Räume wird aufgelöst. Warum soll der Frühstücksraum den Rest des Tages leer stehen? Auch das Arbeiten an anderen Orten wird immer wichtiger. Das hat dann nur noch bedingt mit Urlaub zu tun.Prodinger: Hat das Auswirkungen auf die Gestaltung von Lobbys?Bernard: Ja. Die Abgrenzung der verschiedenen Funktionalitäten in den Räumen wird aufgehoben. Das wird verschwimmen. Dafür muss man die Häuser umbauen. Das haben wir zum Beispiel beim Aqua Dome getan. Ein Gebäude, das von außen immer funktioniert hat als architektonische Ikone. Aber innen nie wirklich.B ernard: A uch das Konzept „Urlaub in den Bergen“ hat sich radikal verändert. Die Ferienhotellerie steht da vor großen Ver- ä nderungen.Prodinger: Man hat die Sommerfrische wiederentdeckt.Bernard: Und das wird sich halten. Dafür spricht schon der Klimawandel. Auch die Rückkehr zu längeren Aufenthalten.Reisenzahn: Wir beschäftigen uns schon länger mit der Nachhaltigkeit und wie man diese in der Hotellerie umsetzen kann.Nachhaltigkeit ist der neue Luxus, und dieser Trend wurde jetzt v erstärkt. Es werden Baumaterialien aus unmittelbarer Nähe verwendet, es gibt ein Energiemanagement mit geringen Emissionen.Green Buildings, wo die Natur ins Hotel hereingeholt wird, sind die Projekte der Zukunft. Vorhaben mit Cocooning-Erfahrung, mit Selbstverpflegung, Einfachheit, Reduzierung und Spüren der Materialien sind im Kommen. Die Weiterentwicklung von Chalets geht jetzt in alpine Glamping Projekte über. Nicht so aufwendig und mit reduzierten Angeboten.Wellness, gedanklich auch als Wellness-Resort, wird in der Stadthotellerie an Fahrt aufnehmen. In die Stadt auch zur Erholung, kombiniert mit Kultur.Kaplan: Man muss sich auch bei den Finanzierungen ganz neue Modelle überlegen. In Bad Gastein kann man zum Beispiel kein Buy-to-let machen, das ist schlicht verboten.Prodinger: Kann man neue Konzepte in bestehenden Hotels umsetzen oder muss man dafür neu bauen?Kaplan: Man kann die verschiedenen Bereiche wie Frühstücks- raum, Lobby oder Businesslounge auflösen, auch in bestehenden Hotels.Bernard: Da kommt es auf das Zusammenspiel von Hardware und Software an. Darüber muss man viel nachdenken. Manchmal reicht auch schon ein Austausch des Mobiliars. Man verändert die Atmosphäre. Man muss sich das Verhalten der Gäste genau anschauen und darauf reagieren.P rodinger Tourismusberatung | Thomas Reisenzahn, t. reisenzahn@prodinger. at | tourismusberatung. prodinger. atReisenzahn: Da geht es oft um die Entwicklung von Ikons, Hinguckern, die dann sehr gut in den Sozialen Medien funktionieren, also gut fürs Marketing sind. Die sollte jedes Hotel für sich entwickeln. Das Aqua Dome ist dafür ein gutes Beispiel.Bernard: Beim Hotel Entners in Pertisau am Achensee bauen wir in der Substanz. Da entwickeln wir neue Frühstückskonzepte. Es geht um neue Schnittstellen zur Küche. Wir ändern auch das Foodkonzept in Richtung Slow Food. Dafür arbeiten wir mit Foodexperten zusammen. Wir überlegen uns: Wie kann das Büffet der Zukunft aussehen? Das Schreckgespenst ist momentan das Brotbüffet, das geht so nicht mehr. Wir führen eine Art H albservice ein. Wir öffnen die Küche und das Büffet wird zum Halbattachment. Im Prinzip ist das eine Art Greissler. Manches kannst du dir selbst am Büffet holen, anderes wird dir gegeben oder serviert. Da geht es auch um einen intelligenten, flexiblen Pe rsonaleinsatz. So kann man das Büffet servicieren. Das hat auch den Vorteil, dass weniger Essen weggeworfen werden muss, weil man die Mengen besser kontrollieren kann. Beim traditionellen Büffet müssen ja bis zu 60 Prozent der Lebensmittel weggeworfen werden! Weil die Gäste das angefasst haben. Das darfst du nicht e inmal an die Schweine verfüttern.Exklusives Interview der Prodinger-Redaktion mit Markus Kaplan, Erich Bernard,Experten für Hotelbau, und Thomas Reisenzahn, Konzept- und Positionierungs-Spezialist.Fotos: BWM Architekten, Hotel Straubinger, Hans SchubertV. l. n. r. : Erich Bernard, Thomas Reisenzahn, Markus Kaplan30HOTEL&DESIGN Nr. 4 | AUGUST/SEPTEMBER 202131HOTEL&DESIGN Nr. 4 | AUGUST/SEPTEMBER 2021FACHARTIKEL

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