Scroll

Wie wertvoll ist der Winter?

ZUKUNFT WINTERSN-Schwerpunkt in Kooperation
mit dem Netzwerk Winter

´´j-

Wie wertvoll ist derWinter?

Nächtigungsrekorde klingen schön. Entscheidend ist aber, was unterm Strich herauskommt. Im Skiwinter ist das
zwar wesentlich mehr als im Sommer. Branchenvertreterin Petra Nocker-Schwarzenbacher reicht das aber nicht aus.

FRED FETTNERSALZBURG. Der Winterstart? „Perfekt. Es geht super zum Skifahren”,
freut sich Petra Nocker-Schwarzenbacher, Tourismus-Spartenobfrau
der Wirtschaftskammer. Ihre Hotelierkollegen sind ebenfalls zufrieden, berichtet sie: „Die Weihnachtsferien sind spürbar besser gebucht
als im Vorjahr.” Die positive Stimmung setze sich auch noch in den
weiteren Ferienwochen fort. Allerdings fallen die Osterferien – der
Ostersonntag fällt auf den 21. April- im kommenden Jahr sehr spät und
damit für den Wintertourismus
ungünstig.Die Wertschätzung durch die internationale Gästeschar ist weiterhin hoch, weniger begeistert ist
Nocker-Schwarzenbacher über die
im Lande selbst. „Wir müssen unsere Leistungen noch sichtbarer machen”, ist sie überzeugt. Die Salz-
burgerin beklagt dabei die mangelnde Akzeptanz unter Eltern von
Teenagern. „Es gibt genug Junge,
die für unsere Dienstleistungsberufe brennen würden, aber die ihre
Eltern zur schulischen Fortbildung
drängen”, sieht sie darin eine Ursache für das Hauptproblem des heimischen Gastgewerbes.Man müsse zudem von den 40
Prozent Mitarbeiterkosten wegkommen, die sich durch „Goodies”- etwa Unterkünfte und Skikarten –
weiter erhöhen. „Natürlich wollen
wir nicht weniger bezahlen, sondern es muss mehr beim Mitarbeiter ankommen”, sagt Nocker-

Schwarzenbacher. Hier sei die Politik gefordert. Sie stellt jedoch fest,
dass von dieser Regierung für die
Tourismuswirtschaft viel gekommen sei. Etwa das „leider öffentlich
auf das Schlagwort Zwölf-Stunden-
Tag reduzierte” Gesetz zur Arbeitszeitflexibilisierung, die Betriebsanlagengenehmigung und vor allem
die Rücknahme der Mehrwertsteuererhöhung von 10 auf 13 Prozent.
„Aber die Verlängerung der Abschreibungszeit hat sich als
schmerzhafter erwiesen, als vieles.

^^*vJ´ „Der Winter
T subventioniert

den Sommer.”Thomas Reisenzahn,Tourismusberater

was vorher gekommen ist”, sieht die
Spartenobfrau darin die reduzierte
Investitionsbereitschaft der Branche begründet. „Betriebe schreiben
Gewinne, aber das Geld ist nicht
da.” Sie investiere selbst als „Brückenwirtin” von St. Johann im Pon-
gau generationsgerecht auf 15 Jahre,
um keinen überschuldeten Betrieb
an die nächste Generation übergeben zu müssen. Entsprechend klaffe hier eine Differenz zur auf 40 Jahre erhöhten Abschreibungsdauer,
die Banken kaum nachvollziehen
können.Die Ertragslage der Ferienhotel-
lerie in Westösterreich ist im Sommer und Winter höchst unterschiedlich, belegen Erhebungen der

Tourismusberatung Prodinger.
Beim Durchschnittsbetrieb der
Vier- und Fünfsternkategorie
brachte die Differenz zwischen Umsatz und betriebsbedingten Kosten
im Sommer einen Rückgang von
20,2 auf 16,3 Prozent. Im vergangenen Winter lag der Vergleichswert
hingegen bei 42,2 Prozent. Für
Prodinger-Geschäftsführer Thomas Reisenzahn ist das ein deutlicher Hinweis dafür, dass in den
westösterreichischen Skizentren
der Winter den Sommer stark subventioniert.Immer häufiger besteht der
Wunsch, die effektive touristische
Wertschöpfung insgesamt, aber
auch möglichst regional zu identifizieren. Für Tirol erarbeitete die Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung Innsbruck (GAW)
ein umfassendes Konvolut, das erstmals die touristische Wertschöpfung auf Destinationsbasis erfasst.
Als größten Unterschied zu anderen touristischen Wertschöpfungsberechnungen berücksichtigt GAW
auch die induzierten Effekte. Das
sind die Konsumausgaben, die
durch touristisch bedingte Einkommen verursacht werden. Im Landesschnitt seien von der Wertschöpfung die Hälfte direkt, 16 Prozent
indirekt und ein Drittel induziert.
Dadurch errechnet GAW höhere
touristische Wertschöpfungswerte
als etwa das bestehende Tourismus-
Satellitenkonto TSA. Im Vorjahr
vermeldete Tirols Landeshauptmann Günther Platter für den Winter die Rekordhöhe von 2,5 Milliar¬

den Euro an Wertschöpfung, während GAW 4,22 Milliarden Euro berechnete. Die Wirtschaftsforscher
belegten in Tirol durch die induzierten Effekte, dass Tourismus gerade in der Inntalfurche, speziell im
Zentralraum Innsbruck, wirtschaftlich wesentlich relevanter ist, als
bisher angenommen. Die täglichen
Ausgaben des Tiroler Wintergasts
liegen heute im Schnitt bei 146,50
Euro und damit um rund ein Viertel
über den Ausgaben der übernachtenden Sommergäste. Wie die Studie zeigt, sind 16 Euro dieser Differenz allein den Seilbahnausgaben
zu verdanken.GAW-Sprecher Stefan Haigner,
der auch Lehrbeauftragter an der
Fachhochschule Salzburg (FHS) ist,
erarbeitete in dieser Funktion auch
die entsprechenden Zahlen für das
Bundesland Salzburg. Veröffentlicht werden diese jedoch nicht.
Anzunehmen ist, dass ähnliche Erscheinungen wie in Tirol auch für
Salzburg gelten, mehr könne und
dürfe GAW dazu aber nicht verlauten.In jüngster Zeit treten in Österreich jedenfalls mehrere Institutionen mit volkswirtschaftlichen Berechnungen zum Wert des Tourismus an, wobei der Eindruck entstehen kann: „Je mehr, desto besser.”
Das bezieht sich nicht nur auf die
Zahl der Anbieter, sondern vor allem auf die Dimension der veröffentlichten Ergebnisse. Das Engagement ist vor dem Hintergrund des
Plan T, dem Masterplan Tourismus
des Bundesministeriums für Nach¬

haltigkeit und Tourismus zu sehen.
Es soll ein umfassendes und zu-
kunftsgerichtetes Indikatorensystem für die Messbarkeit von Erfolg
entstehen. „Ich weiß nicht, wie relevant es ist, ob unser Beitrag zum BIP
16 oder 17 Prozent beträgt. Aber wir
wollen nicht auf Ankünfte und
Nächtigungen reduziert werden”,
begrüßt Nocker-Schwarzenbacher
die ministerielle Initiative. Mehrere
Ansätze seien bei den bisher erfolgten breiten Expertendiskussionen
in den Bundesländern gefunden
worden. Nach der letzten dieser
Runden, die im Jänner 2019 in Kärnten über die Bühne gehen wird, sollen die Ergebnisse präzisiert und
zusammengefasst werden. Nocker-
Schwarzenbachers Ziel ist, dass
betriebswirtschaftliche Faktoren in
die künftige Berechnung der Wertschöpfung einfließen.Für den Tourismusexperten der
Statistik Austria, Peter Laimer, ist
nicht ganz klar, warum man neue
touristische Wertschöpfungsmodelle kreieren muss. Dafür sei längst
das Tourismus-Satelliten-Konto
(TSA) geschaffen worden. „Der besondere Wert des TSA liegt nicht
zuletzt in der internationalen Vergleichbarkeit,” betont Laimer. Der
Großteil der EU-Staaten und weltweit bis zu 70 Länder nutzen diese
Berechnungsmethode. GAW-Sprecher Stefan Haigner sieht das
anders: Das Tourismus-Satelliten-
Konto messe weder die gesamten
Auswirkungen des Tourismus,
noch seien die Werte wirklich international vergleichbar.

Zurück zur Artikelübersicht

FOLGENDE ARTIKEL KÖNNTEN SIE AUCH INTERESSIEREN:

Fachartikel

Wie werden Gäste in alpinen Hotels wohnen?
Zum Artikel

Fachartikel

Die Hotellerie und die Zukunft des Schlafens
Zum Artikel

Diese Webseite verwendet Cookies.
Damit Sie unsere Website optimal nutzen können, speichern wir Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.