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Nur Investitionen in Innovationen lohnen

Nur Investitionen in Innovationen lohnenSaisonbilanz. Bei den aktuell guten Perspektiven brauche Tirols Tourismus keine Diskussion
über den 12-Stunden-Tag, so Fachgruppen-Obmann der Tiroler Hoteliers Mario Gerber.

VON FRED FETTNER

N

ach einem Rekordwinter hat
auch die Sommersaison Tirol
so viele Gäste wie noch nie
gebracht. Seit 2009 gehen die Näch-
tigungszahlen im Sommer kontinuierlich nach oben, die 19,6 Millionen
Nächtigungen (+ 2,9 Prozent) zwischen Mai und September 2018 bedeuteten den höchsten Wert seit
1993. Damals waren es im Nachklang der Maueröffnung sogar 20,7
Millionen. Die Ankünfte haben im
Vergleich zu 2017 um 4,5 Prozent
auf den Topwert von 5,5 Millionen
zugelegt. Auch wenn, wie Landeshauptmann Günther Platter betonte, Nächtigungszahlen nicht alles
sind, zeigen sich die Tiroler Beherbergungsbetriebe rundum beglückt:
84 Prozent zeigten sich mit dem
wirtschaftlichen Erfolg der Sommersaison sehr zufrieden oder zufrieden. Das waren um sieben Prozent mehr, als im Jahr zuvor.„Investitionen in Innovationen
haben sich bezahlt gemacht”, sagt
Tirols Hotellerie-Obmann Mario
Gerber und verweist speziell auf den
Einsatz der Bergbahnen, die den großen Wandel im Tourismus erkennen. „Es geht darum, Happy Moments zu verkaufen. Der Gast will
die Zeit, die er hat, mit Erlebnissen
nutzen. Tirol hat dafür ein irrsinniges Potenzial: Denn die Sehnsucht
geht zur analogen Welt, zu Sport und
Natur.” In solch optimistischen Zeiten kommt die Diskussion rund um
den 12-Stunden-Tag beziehungsweise die 60-Stunden-Woche der Mitarbeiter denkbar ungelegen. Denn
gerade ein Tiroler Fall, in dem vorab
ein Mitarbeiter generell „freiwilligen” Überstunden zustimmen sollte, brachte die Gewerkschaft auf die
Barrikaden. „Ich bin gegen diese
ideologischen Grabenkämpfe. Das
war ein Fall, den wir auch kritisiert
haben, doch die Saison hatte noch
gar nicht begonnen,” verweist Gerber auf die EU-Arbeitszeitregelungen, die ohnehin maximal 17 Wochen lang bis zu 48 Stunden zulassen würden. Das Problem ist, dass
der Vertrag kein durch einen Steuerberater verursachter Einzelfall war.
Das Tiroler Unternehmen HGC
zeichnet für Personalmanagement
und Lohnverrechnung zahlreicher
Hotels verantwortlich und es dürften wohl Tausende dieser Verträge
in Umlauf gekommen sein.In Mitarbeiter investierenFür Gerber eine theoretische Diskussion. „Beim herrschenden Facharbeitermangel würde Zwang nie
greifen,” steht für Hotellerie-Obmann Mario Gerber außer Zweifel. Im Gegenteil, die
Branche investiere
außerordentlich in die
Mitarbeiter: „Es entstehen komfortable
Personalhäuser mit
Pools, es gibt die ausgezeichnete Initiative
der Region Wilder
Kaiser eine Mitarbeiter-Card mit vielen Leistungen zu entwickeln, wir
Hoteliers organisieren die Transporte für unsere wertvollen Arbeitskräfte und vieles mehr.” Kollegen, die
den Wert des Personals nicht che-

Fachgmppen-Obmann der Tiroler Hoteliers Mario Gerber rät seinen Kollegen, in die Mitarbeiter und in Innovationen
zu investieren. Für aggressiven Vertrieb zeigt er kein Verständnis. [BUcktang]

„Beimherrschenden
Facharbeitermangel
würde Zwang nicht
greifen.”Mario Gerber,
Fachgruppen-Obmann
der Tiroler Hoteliers

cken, verurteile er aufs Schärfste.
„Aber schwarze Schafe gibt´s unter
den Arbeitnehmern mindestens so
viele, wie bei uns”, ergänzt er.
Außerdem bringe die gesetzliche
Flexibilisierung nicht nur den Mitarbeitern große Vorteile, in vielen
Fällen brachte sie schlicht die Legalisierung eines Ist-Zustandes. Für
ihn sei ein besonderes Übel der Debatte, dass die Gesinnung leide.
Gerber: „Dabei ist gerade sie so
wichtig. Die brauchen wir als Betriebe und auch für die Bevölkerung.”
Die Rad-Weltmeisterschaft sei ein
Beleg gewesen, wie die Bevölkerung begeistert werden konnte.
Aber man müsse ihr auch zuhören
und ihre Einsprüche verstehen,
weiß Gerber: „Man darf nie sagen:
Die Leut´ spinnen!”Qualität festigenFür den angelaufenen Winter stehen
die Zeichen ebenfalls auf „plus”. Sofern sich die Temperaturen längerfristig aus dem Plus verabschieden.
Die Befragung der Tirol Werbung für
den Winter zeigte, dass vier von fünf
Betrieben optimistisch in die Zukunft blicken. Dazu trage auch die
Ferienlage bei, die abgesehen vom
sehr späten Ostertermin günstig sei.
Mit den Nordischen
Skiweltmeisterschaften vom 19. Feber bis
3. März 2019, die vorwiegend in Seefeld
ausgetragen werden,
ist ein Saisonhöhepunkt vorgezeichnet.
Landesweit rechnen
sechs von zehn Betrieben damit, die
Umsätze aus dem Vorjahr halten zu können, knapp 30 Prozent erwarten sogar ein Umsatzplus.
Etwas verhaltener zeigt sich die
Branche bei der Investitionsbereitschaft. Hier gibt es einen leichten
Überhang von Unternehmern, die

künftig weniger investieren wollen
als in den Vorjahren.Für Gerber kein gutes Zeichen.
„Im Winter geht es eindeutig ums
Festigen, um höchste Aufmerksamkeit auf unsere Dienstleistungsqualität.” Die Herausforderungen liegen
im kritischen, oft auch preissensiblen
Gast, dessen Anforderungen man gerecht werden müsse. Entscheidendes
Moment sind Investitionen in die Innovation. Dass es funktioniert, würden Beispiele wie die Familienspezialisten von Serfaus oder das 007Ele-
ments von Sölden zeigen. Kreativität
sei immer gefragt. „Stolz bin ich auf
die Tiroler Tourismusforschung,
durch die man das Kundenverhalten
antizipieren und entsprechende Produkte entwickeln kann.”Gewinnbringer WinterDie Basis für den wirtschaftlichen
Erfolg der Hotellerie legte die geniale Wintersaison 2017/18. Seit zwei
Jahren vergleicht die Prodinger Beratungsgruppe die Betriebskennzahlen gehobener alpiner Ferienhotels,
wobei ein Löwenanteil der untersuchten Betriebe in Tirol liegt. Die
betriebliche Kennzahl RevPAR, die
den Umsatz zu den angebotenen
Zimmern in Relation setzt, stieg
demnach im vergangenen Winter
von 90 auf 108 Euro. Als erstaunlich
wird das Ergebnis gerade bei den
Topbetrieben gesehen, die beim Gesamtumsatz gleich 12 Prozent zulegten. Zu verdanken war der Zuwachs
einem auffällig gesteigerten Ausgabeverhalten in der Kulinarik. Der
Wareneinsatz blieb aber faktisch unverändert. Prodinger-Geschäftsführer Thomas Reisenzahn: „Die Topbetriebe näherten sich in diesem
Winter einer Vollauslastung an.
Schon im schneearmen Vorwinter
erreichten sie 82 Prozent, nun sogar
92 Prozent.” Generell führt Reisenzahn die zum Teil sensationellen Ergebnisse auf die so genannten „ear-

ly”-Effekte zurück: den sehr frühen
Saisonstart kombiniert mit dem frühen Ostertermin.Warnung vor ExternenAngesichts dieser Zahlen fällt die an
sich relativ geringe Zahl an neu errichteten Hotels in Tirol auf Wenn,
dann sind es oft große Investitionen
institutioneller Anleger. Verschlafen
Tirols Hoteliers die chancenreichen
Zeiten? „Die zahllosen kleinen, qualitativen Verbesserungen werden medial kaum registriert. Sie sind aber für
unsere Qualität entscheidend”, sagt
Gerber. Bürokratie und der schwierige Zugriff auf Fremdkapital würden
es Hoteliers nicht einfach machen zu
expandieren. „Um klarzustellen: Ich
bin ein glühender Europäer, aber als
Obmann wäre mir Tiroler Tourismus
in Tiroler Hand viel lieber.” Der Infrastrukturen, die von Tirolern aufgebaut wurden, würden sich zunehmend Externe bedienen.Als Schwäche ortet Gerber die
Preissituation im Sommer. Auch dazu gibt es von Prodinger Zahlenmaterial. Die Auslastung der Tiroler 4*-
und 5*-Hotels legte demnach im
Sommer um 2 Prozent zu. Doch die
Spitzenhotels erkauften Sommerzuwächse teuer.Insellösungen für die GästeDie Erlöse pro Gästenacht stiegen
zwischen Mai und August gegenüber
dem Vorjahr von 81 auf 88 Euro. Die
besten unter den Guten konnten ihre
Erlöse von 93 auf 110 Euro steigern,
während das schwächste Viertel dieser Betriebe bei 66 Euro stagnierte.
Doch die von Prodinger Tourismus
regelmäßig durchgeführte Erhebung
zeigt, dass die Kosten noch stärker
wuchsen. Deshalb war das operative
Betriebsergebnis (GOP-Gross Opera-
ting Profit) überall in Prozent des
Umsatzes rückläufig. Besonders auffällig wird diese Zahl, wenn Prodinger den rechnerischen Durch¬

schnittsbetrieb (Median) ins Verhältnis zum Vorjahr setzt. Hier ging die
Differenz zwischen Umsatz und betriebsbedingten Kosten von 20,2
Prozent auf 16,3 Prozent zurück. Bemerkenswert: Im Winter 2018 lag der
Vergleichswert der gleichen Kategorie bei unglaublichen 42,2 Prozent.
Für Thomas Reisenzahn ein deutlicher Hinweis darauf, dass in den
westösterreichischen Skizentren der
Winter den Sommer subventioniere.
Der sprunghafte Anstieg der Vertriebskosten sei ein weiteres Indiz
für erkauftes Wachstum im Sommer.
Die reinen Wintersportspezialisten,
die nach fünf schneereichen Monaten den Betrieb schließen, werden
seltener. Doch wer zwei Saisonen
oder ganzjährig öffnet – nicht selten
um die hochqualifizierten Mitarbeiter ans Haus zu binden – versucht oft
in der schwächeren Saison über den
Preis oder aggressiven Vertrieb die
Betten zu füllen. Für Gerber ein
schwerer Fehler. „Wir werden in der
Branche insgesamt umdenken müssen.” Selbst steht er als führender
Hotelier im Kühtai für Einsaisonali-
tät. Doch seine Familie arbeite daran, dass der Mooshof in zwei, drei
Jahren auch im Sommer offen hält.
„Oft muss in den typischen Skiregionen das Hotel eine Insellösung für
seine Sommergäste bieten. Im Kühtai wäre es uns aber wichtig, dass die
Region selbst Akzente setzen kann.”
Auf 2000 Metern spiele das Wetter
eine zu entscheidende Rolle. Als
Fehlentwicklung sieht Gerber jene
Qualitätshotels, die im Sommer für
einen Bruchteil ihrer Winterpreise
das Haus füllen. „Dann werden die
Dienstleistung und das Essen
schlechter, die Gästebewertungen
rutschen nach unten. Für mich gilt:
Im Sommer muss zumindest der
Preis für die Winter-Vorsaison erzielt
werden.” Sonst bleibe der Betrieb
besser geschlossen.

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