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JEDER UNTER SEINEM DACH

JEDER UNTER SEINEM DACHIn der heimischen Ferienhotellerie nimmt das Angebot an Chalets“ seit Jahren zu. Es reicht von einfachen Almhüttenfür sparsame Familien bis zu kleinen Palästen mit Butlerservice – für den internationalen Jetset. Manche Chalets sind direkt mit einem Hotel verbunden, andere stehen alleine auf der Wiese, und wieder andere kommen in geballter Form als künstlich geschaffene Dörfer vor. @ 1: Wolfzung Schedelbergers gibt ganz unterschiedliche Gründe, wieso manche Gäste unter sich bleiben wollen. Oft hat dies mit kleinen Kindern zu tun, die man lieber in einem großzügigen Apartment statt in einem kleinenHotelzimmer versorgt. Manchmal wollen Großfamilien, die sich übers Jahr nur selten sehen, im Urlaub unter sich bleiben und schätzen es, gemeinsam ein ganzes Haus nutzen zu können, anstatt mit anderen Hotel- gästen um den besten Platz vorm Kamin buhlen zu müssen. Es gibt aber auch extrem luxuriöse Absteigen, die unter dem Namen Chalet“ firmieren. Sie sind für sehr wohlhabende und prominente Gäste, die nicht wollen, dass sie schon beim Frühstück darauf achten müssen, ob sie heimlich fotogra- fıert werden. Mitunter haben solche Menschen auch ein gesteigertes Si- cherheitsbedürfnis, das in einem Hotel nur schwer erfüllbar ist, ohne dass dabei andere Gäste unangenehm belästigt werden. Das ist die eine Seite des Markts. Auf der anderen Seite wird der mondän klingende Begriff Chalet auch für einfache Ferienwohnungen verwendet, wo man ohne Service und Luxus einfach günstig urlauben kann.Gemeinschaftsraum im Ischgler Chalet Mathon.war, den knappen Platz in Strandnähe mit Hochhäu- sern zu nutzen (Italien, Spanien), ist es in Asien oft bil- liger, an den weitläufigen Stränden viele kleine Häuser zu errichten. Optisch schauen Feriendörfer jedenfalls wesentlich besser als vielstöckige Hotelburgen aus — ganz egal, ob sie am Strand oder in den Bergen stehen. Ökologisch betrachtet, ist die Bilanz jedoch nicht ein- deutig. Es ist wesentlich aufwendiger, hundert kleine Häuser zu beheizen (oder zu kühlen), als ein großes Haus mit hundert Zimmern auf die richtige Tempera- tur zu bringen.Der Trend zu individuellen Einheiten, die auf weiter Fläche statt in einem großen, mehrstöckigen Haus untergebracht sind, ist nicht auf Urlaubsho- tels im Alpenraum beschränkt. Viele der luxuriösen Ferienhotels an asiati- schen Traumstränden wurden nach diesem Konzept errichtet und haben internationale Standards gesetzt. Während es in Europa oft ökonomischer Luxuriöser geht es nicht. Die zwei vom Hotel Aurelio servicierten Chalets in Oberlech gehören zur Oberliga.Luxus in der BergenSchon in den 1970er-Jahren haben manche Ur- laubshotels neben ihren klassischen Ferienzimmern auch ein paar Ferienappartements für Familien an- geboten. Der Unterschied zu herkömmlichen Suiten liegt darin, dass solche Ferienwohnungen nicht ganz so luxuriös ausgestattet sind und zumeist eine klei- ne Kochgelegenheit haben, damit man kleine Kinder versorgen kann. Im Prinzip sind sie jedoch Teil des Hotels und haben direkten Zugang zum Wellnessbe- reich, Restaurant und anderen öffentlichen Einrich- tungen. Der Aurelio Club & Chalet geht da schon einen Schritt weiter. Es handelt sich um ein eigenes Haus mit sechs Doppelzimmern und zwei Suiten, einem eigenen Wellnessbereich und einem riesigen Wohn- raum. Das Club-&-Chalet-Haus ist über einen unter- irdischen Gang mit dem Haupthaus verbunden. Die Zimmer lassen sich ganz normal nutzen, es besteht aber auch die Möglichkeit, das ganze Haus zu mie- ten und sich von einem eigenen Butler und Koch verwöhnen zu lassen. So kann man den Luxus und den Service eines Fünf-Sterne-Superior-Hotels ge- nießen, ohne dass man mit anderen Hotelgästen in Kontakt kommt. Über Namen schweigt der Aure- lio-Chef Axel Pfefferkorn natürlich, denn in diesem Segment ist Diskretion das Um und Auf. Nur so viel: Es gibt durchaus Gäste, die mit Großfamilie und Per- sonal — vom Kindermädchen bis zum Sekretär — an- reisen und für die diese Form der Diskretion Voraus- setzung für eine Buchung ist.»Es ist ein sehr kleiner, exklusiver Markt, aber es gibt ihn«Seit heuer betreut das Aurelio zusätzlich zwei Luxus-Chalets in Oberlech, die von außen relativ bescheiden aussehen. Im Berg vergraben, befinden sich jedoch Garagen und Aufzüge, Pools und Wellnessbereiche, Billardzimmer und jede Menge Wohnraum für bis zu 16 Gäste. Das Service wird von Kö- chen, Kellnern und Zimmermädchen erledigt, die im Hintergrund werken, ohne die Privatsphäre der Gäste zu stören. Es ist ein kleiner, sehr exklu- siver Markt, aber es gibt ihn. Zumeist handelt es sich um sehr wohlhaben- de Familien, manchmal sind es aber auch Firmen, die für ihr Top-Manage- ment einen besonderen Platz suchen“, umreißt Pfefferkorn das Konzept. Angeblich geht es sogar noch exklusiver, doch das konnten wir mangels Zugangsmöglichkeit nicht recherchieren. In Oberlech hat sich Rene Benko einen, wie man hört, recht komfortablen Zweitwohnsitz zugelegt, was nach dem bestehenden Widmungsplan eigentlich nicht möglich war. Als Luxus- chalet erfährt er jedoch – zumindest theoretisch – eine touristische Nutzung. Weil der erfolgreiche Unternehmer jedoch nicht darauf angewiesen ist, da- mit Geld zu verdienen und man ihm auch schwer vorschreiben kann, zu wel- chem Preis er es anbietet, muss er sich nicht mit unliebsamen auswärtigen Gästen herumschlagen. Das Chaletdorf Priesteregg liegt idyllisch oberhalb von LeogDie Hagan Lodge in Altaussee ist für Selbstversorger konzipiert.Dörjer im GrünenViele erfolgreiche Hoteliers haben in den letzten Jah- ren außergewöhnliche Chalet-Dörfer errichtet. Als Pionier ist Karl Steiner zu nennen, der 1996 in den Kärntner Nockbergen das Almdorf Seinerzeit grün- dete. Traditionelle Architektur, natürliche Materialien und eine ordentliche Portion “Öko“ machten das Alm- dorf Seinerzeit zu einem richtungsweisenden Projekt, das 1999 auch mit dem Staatspreis für Tourismus aus- gezeichnet wurde. 2014 übernahm Alfred von Liech- tenstein das romantische “Dorf“ und erweiterte es auf 51 Hütten, die jedoch allesamt so angelegt sind, dass das urige Flair – trotz allen Luxus — erhalten geblieben ist. 2007 folgte in Leogang das Chaletdorf Steinertal, das heute Teil des Hotels Puradies ist. 2009 schuf Hubert Oberlader ebenfalls in Leogang das verträumte Cha- letdorf Priesteregg. Es ist ein stimmiges, romantisches Ensemble, das perfekt in die Landschaft passt und für eine neue Form von Individualismus im Tourismus steht. In den letzten Jahren ist diese Entwicklung zu einem richtigen Boom geworden. Aktuell gibt es in Österreich rund 50 Chalet-Dörfer, Tendenz weiter steigend. “Die Nächtigungszahlen von Chalets entwi- ckeln sich rund doppelt so schnell wie jene von her- kömmlichen Hotelbetrieben. Das hat wohl auch mit gesellschaftlichen Trends zu tun, bei denen wieder ein Mehr an Privatheit gefragt ist. Dazu kommt noch, dass Menschen aus der Großstadt eine Sehnsucht nach dem scheinbar einfachen Leben in einer Hütte am Berg haben“, erklärt Thomas Reisenzahn, der weiß, wovon er spricht.»Die Nächtigungszahlen von Chalets entwickeln sich rund doppelt so schnell wie jene von herkömmlichen Hotelbetrieben«— THOMAS REISENZAHN / PRODINGER TOURISMUSBERATUNG — PenAls Geschäftsführer der Prodinger Tourismusberatung kennt Reisenzahn die Branche wie kein Zweiter. Und mit der AlpenParks Hagan Lodge – ei- nem Hüttendorf mit 62 Häusern in Altaussee – ist das Beratungsunterneh- men auch operativ in diesem Bereich tätig. Im Gegensatz zum Chaletdorf Priesteregg oder dem Almdorf Seinerzeit hat die Alpenparks Hagan Lodge jedoch deutlich weniger Service-Charakter und fällt eher in den Bereich gepflegter Ferienwohnungen als horizontales Hotel mit Fullservice. Auf Wunsch gibt es ein Frühstücksservice, doch im Prinzip ist man als Gast Selbstversorger. Alle Einheiten verfügen über eine Wohnküche. Die Halb- pension in der Alpenstub’n, die im Ortszentrum“ liegt, kann man optional dazubuchen. Die schlankeren Strukturen sorgen natürlich auch für günsti- gere Preise. Hier handelt es sich eben nicht um ein Hotel, das in die Breite statt in die Höhe gebaut wurde, sondern um Ferienwohnungen mit einem eingeschränkten Maß an Service. Das Unternehmen Alpenparks hietet an insgesamt zehn Standorten Apart- ments mit unterschiedlichem Servicegrad an: in Kaprun, Saalbach, Bad Hofgastein, Zell am See, Altaussee und Matrei. Manche davon sind jedoch klassische Ferienwohnungen und keine Chalets — die begrifflichen Grenzen sind fließend. Einer der größte Spieler am heimischen Ferienwoh- nungsmarkt ist Alps Residence mit Sitz in St. Geor- gen am Kreischberg. Zu Jahresbeginn waren es 13 Resorts mit rund 3.000 Betten, bis Jahresende sol- len es 19 Anlagen sein. Geografischer Schwerpunkt ist rund um den Dachstein, aber auch am Ossiacher See, dem Klippitztörl, dem Tiroler Wipptal und in Zell am See ist man aktiv.Großzügige Spa- und Wohnbereiche wie hier im Chalet Mathon in Ischgl gehören im Luxussegment dazu.»Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Drohnen den Frühstückskorb vor die Haustür bringen werden«Moderner Luxus mit DesignNeu am Markt ist das luxuriöse Bergdorf Prechtlgut in Wagrain, das mit dem Claim “Urlaub wie damals“ wirbt. Der verlockende Zusatz lautet: “Mit dem Lu- xus von heute“. In den Prechtlstadl können Gäste sowohl zum Mittag- wie auch zum Abendessen kommen, müssen dort aber wie in einem externen Restaurant bezahlen. Das Frühstück wird direkt in die Chalets geliefert. Auf Individualität am Berg setzen auch die Hote- liers Ike und Evelyn Ikrath, die in Bad Gastein das bemerkenswerte Haus Hirt betreiben. Vier der fünf neu errichteten zweigeschoßigen Ferienhäuser ver- mieten sie als Ferienwohnungen, im fünften leben sie selbst. Das Wort Chalet mögen sie gar nicht, weil man sich nicht um eine alpine Architektur mit Anmutungen von Berghütten bemüht hat. Der ge- wählte Begriff Alpenloft passt viel eher und klingt auch besser als Loft 2.0. Arnold Tschiderer vom Schlosshotel in Ischgl verwendet den Begriff Chalet jedoch voller Stolz, als es galt, das zweites Haus sei- nes Betriebs zu benennen. Vier Kilometer unterhalb von Ischgl liegt das Chalet Mathon mit zwei großen, luxuriösen Wohneinheiten. Natürlich können die Gäste sämtliche Einrichtungen des Fünf-Sterne-Su- perior-Hotels nutzen, aber eigentlich ist alles, was man sich nur wünschen kann, ohnehin im Haus —- auch ein großzügiger Pool.Zankapfel der PolitikDer anhaltende Boom des Chalet-Marktes wird nicht überall begrüßt. Vor al- lem in Gemeinden, wo Wohnraum knapp und die Mieten sehr hoch sind, steht die Politik so manchem Chalet-Projekt kritisch gegenüber, Außerdem wird die touristische Nutzung oft durch Zweitwohnnutzungen umgangen. Wenn Im- mobilienfirmen private Investoren suchen, die sich über ein Chalet-Projekt Eigentumswohnungen mit Vermietungsrecht aber ohne Vermietungspflicht zulegen, widerspricht das oft einer nachhaltigen touristischen Entwicklung. Das Land Tirol hat jedenfalls die Bewilligungsverfahren für die Errichtung von Chalets verschärft. Und zweifellos gilt es, bei der Neuerrichtung von Fe- riendörfern die Erhaltung von Natur und Umwelt zu berücksichtigen. Und doch stellt sich gerade für die Ferienhotellerie die Herausforderung, auf die- sen Trend hin zu individuell gestalteten Urlaubsdomizilen zu reagieren. Die Schwierigkeiten, weitläufig im Gelände verteilte Wohneinheiten zu versor- gen, könnten mit neuen Technologien vielleicht bald behoben werden. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Drohnen den Frühstückskorb vor die Haustür bringen werden. An den Service-Robotern fürs Bettenmachen wird noch gearbeitet. @

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