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Gondeln mit Abenteuer als Ausweg aus der Klimamisere

Für Tirols Bergbahnen gilt das Sommergeschäft als Hoffnungsträger mit riesigem Potenzial. Der Alpenverein kritisiert aber die Ausbauwut mit Spielparks und Plattformen.Das Widiversum in Hochoetz wurde für diesen Sommer um 400.000 Euro erweitert.Das Hexenwasser in Söll (r. ) war in Tirol mit der Inszenierung des Wassers Pionier beim Sommerausbau.Die Ahornbahn in Mayrhofen (l. o. ) lockt mit einer Aussichtsplattform, am Stubaier Gletscher erwartet ein sechs Meter hohes Mammut die jüngsten Gäste.Innsbruck – Ein sechs Meter hohes Mammut am Gletscher. Eine spektakuläre, fast freischwebende Panorama-Plattform auf über 3000 Metern Seehöhe. Ein abenteuerlicher Wasserspielplatz für Kinder. Der hochalpine Klettersteig mit fünf Minuten Zustiegszeit. Tirols Bergbahnen setzen vor allem im Sommer immer mehr auf Attraktionen abseits von Gondel und Gasthaus.Für die Branche bringt das Kunden und Umsatz.„Die Tiroler Bergbahnen erwirtschaften bereits rund 15 Prozent ihres Umsatzes in den Sommermonaten“, sagt Josef Ölhafen, Fachgruppengeschäftsführer der Bergbahnen in der Wirtschaftskammer Tirol. Bei einem Ganzjahresumsatz von zuletzt 760 Mio. Euro rollen in der warmen Jahreszeit immerhin rund 114 Millionen Euro. Wie Ölhafen ausführt, seien vor allem jene Bergbahnen im Sommer überdurchschnittlich erfolgreich, die am Berg auf spezialisierte Attraktionen setzen: von Bikeparks für Sportler, Sommerrodelbahnen für Groß und Klein bis zu Tierwelten von großen Dinos bis kleinen Murmeltieren.Besonders im Sommer orten die Touristiker noch massives Wachstumspotenzial. Grund dafür ist auch der Klimawandel.Ski-Winter dürften durch die Erderwärmung unsicherer werden und auch für Strandurlaub am Mittelmeer zur Hochsaison könnte es vielleicht bald zu heiß sein. Also lockt Tirol im Sommer mit kühler Bergluft und coolen Angeboten. Als weiterer Hoffnungsträger gelten Kinder. Überdurchschnittlich oft setzen die Bergbahnen auf Abenteuerparks für die kleinsten Gäste: Bunte Maskottchen bewerben den Berg und animieren die ganze Familie.Dass der eingeschlagene Weg Erfolg gebracht hat, beweisen Zahlen aus der Tourismusstatistik. Der Sommer holt auf, wächst rasanter als der Winter.Die Zahl der Nächtigungen im Sommer legte von 2008 bis 2018 von 17,8 Millionen auf 21,8 Millionen um 22 Prozent zu. Im selben Zeitraum machte das Plus im Winter nur acht Prozent aus, die Zahl der Übernachtungen kletterte von 25,6 Millionen auf 27,6 Millionen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Ankünften, der nominellen Anzahl der Urlauber.Obwohl sich die Änkünfte in den beiden Saisonen bereits angenähert haben, ist die Wachstumsdynamik in der warmen Jahreszeit eine größere.Im Sommer machte das Gäste-Plus über die vergangenen zehn Jahre satte 48 Prozent von 4,1 auf 6,1 Millionen Gäste aus. Im Winter wurde über zehn Jahre immerhin ein Zuwachs um 24 Prozent von 4,96 Millionen auf 6,16 Millionen verzeichnet.Angesichts der wesentlich kürzeren Aufenthaltsdauer bleiben im Sommer dennoch viele Gästebetten leer. Faktum ist, dass in der Hotellerie der starke Winter den Sommer quasi quersubventioniert, erläutert der Branchenkenner Thomas Reisenzahn von der Tourismusberatung Prodinger.Übers Gesamtjahr bilanzieren auch die Seilbahnen positiv, doch auch hier wird der Sommer vom starken Winter getragen, wie Wirtschaftskämmerer Josef Ölhafen erläutert.Boten die Bergbahnen in den Seitentälern einst im Winter Saisonjobs für Handwerker, so werden heutzutage für die hochtechnologisierten Bahnen ganzjährig Spezialisten benötigt. „Da aber die Beschneiung wegfällt und nicht alle Anlagen laufen, wird der Sommer mithilfe von gezielten Attraktionen immer profitabler“, weiß Ölhafen.Einer der Pioniere, die in Tirol als eines der ersten Seilbahnunternehmen auf eine Erlebniswelt setzten, waren die Bergbahnen Söll. Mit dem Hexenwasser, das seit 25 Jahren vor allem Familien auf den Berg lockt, habe man die Gästezahlen im Sommer verfünffachen können. Bevor das Wasser verhext und attraktiv in Szene gesetzt wurde,beförderten die Bergbahnen im Sommer rund 40.000 Gäste, mittlerweile sind es mehr als 200.000, resümiert Geschäftsführer Walter Eisenmann.Das Hexenwasser hat mittlerweile unzählige Nachahmer gefunden.Doch der Trend gefällt nicht allen. „Wir haben in Tirol schon einen sehr hohen Verbauungsgrad erreicht, der nicht noch mehr Inszenierung mit Plattformen und Sommerrodelbahnen braucht“, kritisiert Robert Renzler, Generalsekretär des Österreichischen Alpenvereins.„Das Kapital des Tourismus ist und bleibt die unberührte Natur. “ Die Ausbauspirale drehe sich stattdessen stetig weiter.Bestehende Anlagen soll-ten gepflegt und modernisiert werden, „mit der Landnahme muss aber Schluss sein“. Dabei werde vergessen, dass jede Erweiterung und jede Attraktion die aktuelle Verkehrsproblematik noch weiter verschärft.253 Tiroler Seilbahnunternehmen erzielten zuletzt im Geschäftsjahr 2018/19 einen Umsatz von 760 Mio. Euro. Für die abgelaufene Wintersaison haben die Betriebe knapp 300 Mio. Euro investiert.Sommersaison: 15 Prozent des Umsatzes werden im Sommer erwirtschaftet. Investitionen speziell für den Sommer werden nicht ausgewiesen.Gütesiegel: 70 Bergbahnen haben sich dem Qualitätssiegel „Beste Österreichische Sommer-Bergbahnen“ angeschlossen, 27 davon aus Tirol.Die Mitgliedsbetriebe erzielten im Schnitt in zehn Jahren eine Verdoppelung sowohl bei Gästen als auch beim Umsatz.Foto: Bergbahnen HochoetzFotos: Mayrhofner Bergbahn, Bergbahnen Söll, Stubaier GletscherVon Beate TrogerAusweg aus der Kli„ Bergbahnen, die auf spezielle Attraktionen setzen, sind im Sommer überdurchschnittlich erfolgreich. “Josef Ölhafen (WK Tirol)Foto: WK Tirol„ Mit der Landnahme muss Schluss sein. Jede Erweiterung verschärft auch das Verkehrsproblem. “Robert Renzler (Generalsekretär Oe AV)Foto: AlpenvereinmamisereBergbahnen

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