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Die Hotel Macher

TEIL 1Pro dinger: Ba d Gastein ist ein sehr herausforderndes Projekt.Ihr müsst in der alten Bausubstanz von drei Häusern am Straubinger Platz arbeiten: im Hotel Straubinger, in der Alten Post und im Badeschloss. Darüber hinaus hat das Bauvorhaben auch einen stadtplanerischen Aspekt: die Revitalisierung des Straubinger Platzes, eines zentralen Ortes in Bad Gastein. Jetzt ist noch ein Neubau dazugekommen, der für Diskussionen sorgt. Warum wird hinter dem Badehaus ein Hotelturm gebaut?Kaplan: Das Hotel Straubinger hat 50 Zimmer und kann für sich allein nicht revitalisiert werden. Das geht nur zusammen mit e inem hochfunktionalen Badeschloss mit 100 Zimmern. Wirmüssen da haarscharf kalkulieren.Bernard: Damit sich das Projekt rechnet, braucht es die Kubatur der zusätzlichen 100 Zimmer. Der Neubau entsteht hinter dem Badeschloss. Es hat sich mittlerweile herausgestellt, dass die Bausubstanz des Hotels Straubinger doch stärker ge schädigt wurde.Reisenzahn: Wir haben vor circa fünfzehn Jahren mit der ÖHV noch große Feste im Ballsaal des Straubingers gefeiert. Es war ein besonderes Erlebnis, das Hotel für einen Event zurevitalisieren.Prodinger: Wir saßen vor eineinhalb Jahren bei der ersten Vorstellung des Projektes im Ballsaal und fantasierten darüber, dass man eigentlich alles so lassen könnte wie es war: mit leicht abblätternder Decke und einigen blinden Spiegeln. So etwas hätte schon sensationell viel Charme! Was ist aus der Idee geworden?Ber nard: Wi r wollen so viele Spuren wie möglich erhalten, das ist der Kern des Projekts. Es darf dabei aber keine Gefahr für Leib und Leben geben. Im Eingangsbereich und in der Lobby bleibt vieles so, wie es war und ist.Kaplan: Manche Terrazzofliesen nehmen wir raus, weil sie nicht zu unserem Designkonzept passen. Auch die alten Waschbecken sehen zwar schön aus, entsprechen aber nicht mehr heutigen Anforderungen.Bernard: Viele Details bleiben: Lichtschalter, Uhren, Verzierungen, Haken. Die werden gereinigt und neu montiert. Auch manche Schrammen an Säulen lassen wir bestehen.Kaplan: Wir wollen es auf alle Fälle nicht zu schön sanieren.Bernard: Die Böden müssen wir vielfach erneuern. Das Gebäude ist aus Steinbrocken gemauert, nicht aus Ziegeln. Da kann man nicht einfach die Wände aufstemmen, um Leitungen zu verlegen. D ie kommen in den Boden.Kaplan: Die Steinwände haben den Vorteil, dass die Feuchtig- keit nicht nach oben steigen kann.Prodinger: Euer Design, vor allem für die Zimmer, wirkt sehr m ännlich, etwas schwer, viele dunkle Farben. Ganz anders als die hellen Räume, die man sonst in neuen Hotels sieht. Gefällt dasauch Frauen?Kaplan: Das ganze Hotel Straubinger ist von der Anmutung eher ein dunkles Gebäude, das war schon immer so. Deswegen haben wir uns für dunkle Farben entschieden. Was so schwarza us sieht, ist in Wirklichkeit grün oder rot oder blau.Bernard: Das Design haben bei uns übrigens zwei Frauen ent- wickelt.Kaplan: Wichtig ist, dass das Design ein Statement ist. Wir spielen schon mit dieser Ästhetik.Prodinger: So stellt man sich den klassischen, nicht-vikto- rianischen englischen Landhausstil vor.Bernard: Das soll weder rustikal noch modisch sein. Wir inszenieren eine zeitlose Noblesse. Das alte Straubinger war ja ein Grandhotel. Daran wollen wir anknüpfen.Kaplan: Auch wenn die alten Grandhotels nie so romantisch und nobel waren, wie wir uns das gerne vorstellen.Reisenzahn: Die wurden in den 1980er Jahren an englische Reisegruppen zu Spottpreisen vermietet.K aplan: Das Straubinger hat jahrzehntelang unter einer gestörten Erbfolge gelitten. Da ist lange nichts mehr investiert worden.Reisenzahn: Eine klassische gescheiterte Betriebsübergabe und jetzt mit einen Happy End.Kaplan: Im ausgebrannten Hyatt in Wien ist das sehr gutP rodinger Tourismusberatung | Thomas Reisenzahn, t. reisenzahn@prodinger. at | tourismusberatung. prodinger. atgelungen. Die mussten vieles neu bauen, aber man merkt es nicht. Jeder denkt, das hat immer schon so ausgesehen. Das fühlt sich auch alt an.Bernard: Das ist die Aufgabe: Die Geschichte weiterzuerzählen und trotzdem das Gefühl zu geben, es sei schon immer so ge- wesen. Das gilt für viele unserer Projekte.Reisenzahn: Da geht es ja auch um das große Thema Storytelling. Viele klammern sich an ihre Geschichte. Das „Geschichten erzählen“ können die Amerikaner super. Wir haben das in der jüngsten Vergangenheit in der Hotellerie leider nicht so gut weitergebracht. Oder aufgesetzte Geschichten erzählt.Prodinger: Ist das eine neue Entwicklung, dass man so liebevoll wie ihr mit der historischen Substanz umgeht?Kaplan: Oft ist es so, dass der Architekt den Auftrag bekommt, es „schön“ zu machen. Es muss sauber und schön sein. Dann fühlen sich alte renovierte Gebäude wie neu an. Am besten noch mit Gipsverputzwänden. Das hat auch etwas mit den heutigen R ichtlinien zu tun. Das wollen wir eben nicht machen! Unser Vorbild sind die alten italienischen Städte. Wo eben nicht alleskaputt renoviert wurde. Wir lieben ja diese Patina.Prodinger: Ist das nicht auch ein bisschen italienische Schlampigkeit …?Bernard: Das muss man philosophisch betrachten. In Italien kommt vielleicht ein bisschen Schlampigkeit dazu. Aber der behutsame Umgang mit der Bausubstanz ist in Italien einfach eine Selbstverständlichkeit. Die haben gar nicht den Anspruch, dass alles wie geschleckt sein muss.Kaplan: Bei uns fehlt auch das Handwerk, um so etwas hin- zubekommen.Bernard: Der Substanzverlust in der Architektur ist in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen. Aus Gründen der Technologie. Das Erhalten der Substanz ist also ein neues Phänomen.Die Wertschätzung des Alten ist gestiegen, zweifellos. Jetzt sind wir schon so weit, dass wir auch die Nachkriegsarchitektur schätzen lernen. Das ist ja jetzt auch schon 70 Jahre her.Exklusives Interview der Prodinger-Redaktion mit Markus Kaplan, Erich BernardExperten für Hotelbau von BWM Architekten und Thomas Reisenzahn Konzept- undPositionierungs-Spezialist.Fotos: BWM Architekten, Hotel Straubinger, Hans SchubertV. l. n. r. : Erich Bernard, Thomas Reisenzahn, Markus Kaplan34HOTEL&DESIGN Nr. 3 | Ju NI /Ju LI 202135HOTEL&DESIGN Nr. 3 | Ju NI /Ju LI 2021FACHARTIKEL

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